Flurnamen und Wüstungen

Die Gemarkung Bermuthshain hatte im Jahr 2000, nach der 1996 abgeschlossenen Flurneuordnung, eine Gesamtfläche von 850 ha. Von dieser entfielen 590 ha auf landwirtschaftliche Flächen, wovon wiederum 472 ha als Grünland (Wiesen und Weiden) und 118 ha als Ackerland genutzt wurden. Waldungen nahmen 203 ha ein, während die eigentliche Ortslage 30 ha und sonstige Flächen wie Wege, Gewässer und überörtliche Straßen 60 ha in Anspruch nahmen.

Die Bermuthshainer Gemarkung grenzt an die Gemarkungen von Grebenhain, Crainfeld, Ober-Moos, Lichenroth, Völzberg, Hartmannshain und Herchenhain. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war ein Teil dieser Gemarkungsgrenze zugleich auch Staats- und Landesgrenze. Der Schnittpunkt der Gemarkungen von Bermuthshain, Ober-Moos und Lichenroth am Kingsborn stellte bis 1806 sogar ein „Dreiländereck“ dar. An dieser Stelle stießen nämlich die Territorien der Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der Freiherren Riedesel zu Eisenbach und der Fürsten von Ysenburg-Birstein zusammen. Die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Mediatisierung der vielen kleinen Fürstentümer und Herrschaften setzte diesem jahrhundertelangen Zustand ein Ende.

Ausschnitt aus der Flächennutzungskarte zum Generalkulturplan für den oberen Vogelsberg aus dem Jahr 1902, der die Gemarkung von Bermuthshain zeigt. Die Gemarkungsgrenzen sind durch rote Linien gekennzeichnet. Wiesen sind hellgrün, Viehweiden dunkelgrün, Waldungen braun und Ackerland weiß dargestellt. Die geplanten Aufforstungen durch den Generalkulturplan sind rot schraffiert.

Flurnamen der Gemarkung Bermuthshain

Die älteste Erwähnung der Flurnamen in der Gemarkung Bermuthshain findet sich im 1556 aufgestellten Salbuch des Amtes Nidda, dessen Original heute im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt wird. Nicht wenige Flurbezeichnungen, die auch heute noch amtlich in Gebrauch sind, waren bereits den Bermuthshainern vor 450 Jahren vertraut. Aus dem Salbuch von 1556 genannt seien an dieser Stelle: Boel, Der Khole, Im Löchern, Der Hochstetten, Am Hilrich, Im Hegeholtz, Am Bingelstain, Beim Königsborn, Im Brontzwalt, Beim Scheidborn, Im Hollerhain, In der Rodenbach, Schershain, Uff den Kohlstücken oder Im Hinterflecken.

Die erste Gesamtaufnahme der Gemarkung Bermuthshain, der so genannte Parzellhandriss, wurde im Jahr 1832 von dem Geometer I. Klasse Friedrich Knewitz aus Schotten angefertigt. In diesem Zusammenhang wurden auch erstmals alle Parzellen vermessen, verzeichnet und durchnummeriert. Die gesamte Gemarkung wurde damals in achtzehn Fluren eingeteilt , die mit römischen Zahlen bezeichnet wurden. Die Flur I bezeichnete das Dorf selbst, während die Nummerierung der umliegenden Fluren rund um Bermuthshain gegen den Uhrzeigersinn und mit römischen Zahlen erfolgte. Die Karte der Flur I von 1832 ist auch der älteste, bekannte Ortsplan von Bermuthshain. Sie stellt allerdings nicht die älteste Darstellung der einzelnen Gehöfte dar, da deren Grundrisse bereits 1820 durch den Amtsgeometer Wilhelm Friedrich Rübsamen aufgenommen worden sind.

Die damalige Einteilung der Bermuthshainer Gemarkung hatte bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg Bestand. 1909 begann dann die Feldbereinigung, in deren Verlauf viele kleine Parzellen zu größeren Nutzflächen zusammengelegt wurden und außerdem auch die Gemarkungsgrenzen zu den Nachbargemarkungen kleinere Änderungen erfuhren. Ein neues Verzeichnis der Flurbezeichnungen wurde am 16. Dezember 1913 fertiggestellt. Ihm ist zu entnehmen, dass damals nicht wenige der althergebrachten Flurnamen durch die Feldbereinigung abgeschafft worden. Ähnliches wiederholte sich rund sieben Jahrzehnte später, als abermals eine Flurbereinigung stattfand. Viele jahrhundertealte Flurnamen sind auf diese Weise allmählich in Vergessenheit geraten. Zu diesem Prozess trug bei, dass die Landwirtschaft ihre einst überragende Bedeutung für das dörfliche Leben in den letzten Jahrzehnten weitgehend einbüßte und somit für die heutigen Bermuthshainer kaum noch eine Notwendigkeit besteht, sich tagtäglich durch Flur und Gemarkung zu bewegen.

Aus vielen Flurnamen lässt sich bis heute die insbesondere im Hochmittelalter und, nach der spätmittelalterlichen Wüstungsperiode, in schwächerer Form noch einmal im 15. und 16. Jahrhundert betriebene umfangreiche Rodungstätigkeit ablesen. Besonders Endungen wie –roth oder –rödern deuten darauf hin. In einigen Fällen, so beim Gerlichsroth, sind sogar noch die Namen derjenigen überliefert worden, welche diese Flächen einstmals gerodet und urbar gemacht haben. Am Beginn der Neuzeit war somit ein großer Teil der Waldungen in der Umgebung in Bermuthshain wie auch im gesamten Vogelsberg Ackerland und Weiden gewichen. Um dem drohenden Mangel an Brenn- und Bauholz abzuhelfen, erließ Landgraf Philipp der Großmütige 1532 daher die erste hessische Forstordnung. Das Roden der Wälder wurde jetzt weitgehend eingeschränkt und diese besonders geschützt. Wohl in diese Zeit ist auch der Name der größten Waldfläche in der Gemarkung Bermuthshain zu datieren, das Heegholz.

Dass es noch im Spätmittelalter im Vogelsberg noch eine andere Lebensgrundlage als die Landwirtschaft gab, darauf deuten zwei Flurnamen hin. Der Eisenberg, der sich über die Gemarkungsgrenze hinaus in die Gemarkungen Grebenhain und Crainfeld erstreckt und auch zum größten Teil dazu gehört, hält die Erinnerung an den Eisenerzbergbau wach, der ebenso wie die Eisenverhüttung während des Mittelalters im Vogelsberg zuhause war. Er brachte den Dörfern im Kirchspiel Crainfeld seinerzeit wohl einigen Wohlstand, wurde aber insgesamt unter eher primitiven Bedingungen betrieben. Enge und niedrige Schächte und Kriechgänge, verbunden mit der ständigen Gefahr von Wassereinbrüchen und Einstürzen, dürften in dem Bergwerk zwischen Bermuthshain und Grebenhain an der Tagesordnung gewesen sein.

Noch Jahrhunderte später erinnerte man sich in der Bevölkerung an eine Katastrophe, die zu Anfang des 18. Jahrhunderts von dem Crainfelder Pfarrer Friedrich Wilhelm Köhler aufgezeichnet wurde. Demnach sollen im 15. Jahrhundert durch Einfallung einer Eisen- oder Steingruben in den sogenannten Eißen-Kauten im Eißernich nahe bei Grebenhayn nach Bermetzhayn zu auf einmal 13 Männer umbkommen und seyen also 13 Wittwen in Grebenhayn geworden. Ebenfalls in der mündlichen Überlieferung lebendig war in Bermuthshain noch im frühen 19. Jahrhundert, dass auch in der Gemarkung Bermuthshain nach Eisenerzen gegraben worden sein soll, und zwar nahe der Grenze nach Völzberg hin.

Mit einigen Flurnamen sind historische Begebenheiten und Sagen verknüpft. Der Königsborn (mundartlich Kingsborn) am gemeinsamen Grenzpunkt von Bermuthshain, Lichenroth und Ober-Moos soll seinen Namen daher haben, dass König Gustav Adolf von Schweden im Dreißigjährigen Krieg auf dem Marsch durch den Vogelsberg daraus getrunken habe. Diese Begebenheit soll sich Jahr 1630 ereignet haben, auf seinem Zug von Mainz nach Sachsen. Mit den geschichtlichen Tatsachen nimmt es diese Sage freilich nicht so genau, wird doch der Königsborn bereits im Salbuch von 1556 genannt, also lange vor dem Dreißigjährigen Krieg.

Allerlei Legenden ranken sich auch um den zwischen Bermuthshain und Ober-Moos gelegenen, heckenbekrönten Jagdhorst. Der Name wird nämlich auf die einst überall im Vogelsberg erzählte Sage vom „wilden Jäger“ zurückgeführt. Die vielen Basaltbrocken auf dem Jagdhorst wurden im Volksmund als Mauerreste eines Schlosses gedeutet, das einst an der Stelle gestanden haben soll. Mit den Kohlstücken nicht weit von der Gemarkungsgrenze zu Völzberg ist ebenfalls eine Sage verknüpft. Demnach sollen im Krie gsjahr 1813 Leute von Ober-Moos einen russischen Militärarzt ermordet und dort aufgehängt haben, damit man glauben sollte, er hätte sich selbst ums Leben gebracht. Nahe den Kohlstücken liegen auch die Hahlbäume. Sie erinnern daran, dass von Lichenroth kommende Fuhrwerke einst einen Vorspann brauchten, der beim Erreichen der Höhe abgekoppelt und zurückgeschickt werden konnte. Die Stelle bei den Bäumen, wo dazu angehalten („gehahlen“) wurde, ist daher Hahlbäume genannt worden.


Übersichtskarte der Gemarkung Bermuthshain aus dem Jahr 1832, gezeichnet von Friedrich Knewitz.

Fluren und Flurnamen 1832

Flur I: Am Esch, Auf den breiten Wiesen, Unter den breiten Wiesen, Auf der großen Wiese, Am Hollerain, Huthwaide, Am Rabenberg, An dem Riethwieser Weg, In den obersten Riethwiesen, In der untersten Riethwiese, Auf der rothen Staude, Am Steinbos.

Flur II: Am Bermuthshainer Wald, Auf dem Gerlichsroth, Im Gerlichsroth, In der Hellrichswiese, In der Hochstädten, Am Schaidborn, Im Pittgesroth.

Flur III: Am Bergacker, Auf der Dornheckenwiese, Am Viehweg, Auf der Hartmannshainer Gemeinde, Am Henkelhorst, Vor dem Henkelhorst, Mitten am Hellrich, Am Hellrich, Am Lamberg, Der Rabenberg, Am Rödelacker, Oberbastges Hellrich.

Flur IV: Am Bergacker, Auf der Dunkelwiese, Das Fieberholz, Hinterm Hellrich, Im großen Heegholz, Am Lamberg, An den Kohlstücken, An den obersten Kohlstücken, Am Waldacker.

Flur V: Am Äckerchen, In der alten Wiese, Am Bienenacker, Am Böhl, Am Grummetacker, Am Haidchen, Am großen Heegholz, Das große Heegholz, Vor dem großen Heegholz, Am Hellerödern, Am Langenstrauch, In den Löchern, Im großen Roth, Am Rödelacker, Am Rübenborn, Am Zehntacker.

Flur VI: Im Altenfeld, Die Hahlbäume, Am Hainbuchenstrauch, Der Hainbruch, Im Heegholz, Im großen Heegholz, An den Kohlstücken, In den Kohlstücken, Vor dem Kohle.

Flur VII: Am großen Heegholz, Am Kohlen, Am Kohlen am alten Feld, Am Kohlen in der untersten Kohlwiesen, Am Kohlen vorm Heegwald, Mitten im Kohlen, Neben dem Kohlen, In der Kohlwiese.

Flur VIII: Das große Heegholz.

Flur IX: Im Hinterflecken, Auf dem hintersten Hinterflecken, Oberm Hinterflecken, Ober dem hintersten Hinterflecken, Auf den Rödern, Auf den Rödern beim Landstein.

Flur X: Am Eichrain, Im Hinterflecken, In den Mehredern, Beim Jagdhorst, Unterm Jagdhorst, Im Reusenacker, Auf der Wolfshecke.

Flur XI: Am Bingenstein, An der Brück, In der Brücke, In den Duttelswiesen, Am Eichweg, Im Eichwiesenstrauch, In den Eichwiesen, Am Holzapfelbaum, In der sauren Eichwiese, Am Gerlichsgarten, In den Riegelwiesen, Vor der Rothenbach, In der schwarzen Wiese, In den Waldwiesen.

Flur XII: Am Bingenstein, Im Müllerhansborn, In den Müllerhanswiesen, In der Nixwiese, Im Nosroth, Am Rodemerfloss, Vor der Rothenbach, Am Rothenbachteich, Hinter dem Schmidtsberg, Hinter dem Tiegelacker.

Flur XIII: Am Brückenacker, In den Dorfwiesen, Auf dem alten Garten, Vor dem alten Garten, In den Hühnerwiesen, Vor der Mühl, Oberm Mühlgraben, In der Sandkaute, Am Schmidtsberg, Hinter dem Schmidtsberg, Am Tiegelacker, Am Brückenwiesenweg.

Flur XIV: Am alten Acker, Auf dem alten Acker, In den Betzen, In den sauren Betzen, Am Betzenbiegen, Am Biegen, Beim Damm, Am Eisenberg, An den Flößen, Am Hain, Vor dem Heeghölzchen, Oberm Kühzahl, Unter der alten Mühl, Am Merzbörnchen, In der Stegwiese, Im Stück, Im Stück an der Straße, Beim Waidgärtchen, Oberm Walserweg, Am Wiesenacker, Am Wiesenrain.

Flur XV: Am Bedenacker, Am Scherfelweg, Auf der Straße.

Flur XVI: Am Esch, Auf der Höhe, Ober dem Heeghölzchen, Am oberen Heeghölzchen, An der stumpfen Linde, Beim sauren Kirschbaum, Auf der Kreuzhohl, Am Krummenrain, Ober dem Riethwiesen, Auf der Rothenstaude, Ober dem Rothenstaudenweg, In den vier Morgen.

Flur XVII: In der Bruchwiese, In der langen Bruchwiese, Am Erlich, In der Federwies, In der Grube, Hinter der Heeg, Vor der Heeg, Hinterm Hochstädten, Im hintersten Hochstädten, Am Hohenrain, Vorm Hollerswald, Beim Müllersteinhäuschen, Am Wagnersahl, In der neuen Wiese, In der obersten neuen Wiese, In der Müllerswiese, Am Schershain.

Flur XVIII: Der Bermuthshainer Wald, Der große Bronswald, Der kleine Bronswald, Ober der Bruchwiese, Im Eisenseifen, In der Hinterwiese, Im Kleeseifen, Im Merzroth, In der oberen neuen Leihe, Im Rödchen, Im Roth, In der sauren Weide, Im Seifen, In den oberen Seifen, Am Scheidborn.


Ausschnitt aus der Höhenschichtenkarte zum Generalkulturplan für den oberen Vogelsberg von 1902 mit der Darstellung der Gemarkung Bermuthshain.

Wüstungen in der Gemarkung Bermuthshain

Als „Wüstung“ werden heute nicht mehr bestehende Dörfer und Siedlungen bezeichnet. Unter den bereits im Spätmittelalter bekannten Begriff fallen im weiteren Sinne aber nicht nur ein nicht mehr bewohnter Siedlungsplatz, sondern auch nicht mehr länger bewirtschaftete landwirtschaftliche Nutzflächen. Im ersten Fall spricht man von präziser einer Ortswüstung, im zweiten von einer Flurwüstung. Nach dem Grad der Verwüstung unterscheidet man außerdem noch totale und partielle (teilweise) Wüstungen.

Einer noch immer populäre Auffassung zufolge sind die Wüstungen, auch im Vogelsberg, während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) durch Plünderung und Niederbrennen der Dörfer entstanden. Vor allem eifrige Heimatforscher und Volksschullehrer haben diese These in der Vergangenheit populär gemacht. Sie entspricht jedoch keineswegs den Tatsachen. Zwar wurden beispielsweise die Ortschaften im Gericht Crainfeld während des Durchmarsches der braunschweigischen Truppen am 1. Juni 1622 geplündert und teilweise niedergebrannt, doch waren sie während des gesamten Krieges offenbar niemals vollständig verlassen. Weiterhin wurden die wüsten Orte im Gericht schon in dem erwähnten Salbuch von 1556 ausdrücklich als Wustenunge bezeichnet. Die Wüstungen sind also keine Folge des Dreißigjährigen Krieges gewesen.

Tatsächlich hat die Mehrzahl der Wüstungen im Vogelsberg ihren Ursprung während der in ganz Europa fassbaren spätmittelalterlichen Wüstungsperiode im Zeitraum von etwa 1300 bis 1500. Den Forschungen von Gertrud Mackenthun zufolge bestanden um 1200 im Gebiet des Altkreises Lauterbach (ohne Schlitzerland und Ulrichstein) vermutlich 109 Siedlungen, von denen 60 während des Spätmittelalters wieder eingingen. Auf diese Weise ist nicht weniger als die Hälfte aller Siedlungsplätze im Vogelsberg bis Ende des 15. Jahrhunderts verschwunden. Bis um 1500 war somit im Wesentlichen das heutige Siedlungsgefüge im Vogelsberg entstanden.

Die Ursachen für das Wüstwerden dieser großen Zahl von Ortschaften waren sehr vielfältig. In der Mehrzahl hat sich der eigentliche Wüstungsvorgang jedoch wohl eher unspektakulär abgespielt, und zwar als allmähliches Abwandern der Bevölkerung in benachbarte Dörfer, von denen aus nicht selten auch das vorhandene Land noch weiter bewirtschaftet wurde. Durchweg waren es kleine Dörfer und Weiler mit wenigen Höfen sowie Einzelhöfe, die aufgegeben worden sind. Übrig blieben die größeren Haufendörfer, welche die Vogelsberglandschaft bis heute prägen. Zu dieser Entwicklung beigetragen (aber keineswegs als alleinige Ursache!) haben auch die spätmittelalterlichen Fehden und Kriege wie diejenigen zwischen den Riedeseln bzw. den Grafen von Ziegenhain und der Abtei Fulda. Sie drängten die Bevölkerung zur Ansiedlung in größere und „wehrhaftere“ Ansiedlungen.

In diese Zeit fällt auch die urkundliche belegte Erbauung eyne burg und eyne stat zu Herchenhayn durch Graf Gottfried VII. von Ziegenhain und Abt Heinrich von Fulda im Jahr 1358. Die Burg und die Stadt Herchenhain sollten ausdrücklich den angrenzenden Gerichten Burkhards und Crainfeld Schutz bieten, verkümmerten jedoch im Spätmittelalter, so dass Herchenhain nie über den Rang einer Dorfgemeinde mit Marktrecht hinauskam. Eindeutig als Ursache für den Wüstungsvorgang nachgewiesen sind die adeligen Fehden im Fall mehrerer Wüstungen des späten 15. Jahrhunderts in der Gemarkung von Stockhausen.

In einigen Fällen mussten auch Dörfer aufgegeben werden, die genau an der Grenze der Einflussbereiche verschiedener Grundherren lagen, wie das auf der riedeselisch-isenburgischen Grenze nahe der Sangmühle zwischen Salz und Lichenroth gelegene Dorf Herchenrod. Auf diesen Ort soll der heute noch der im südöstlichen Vogelsberg weit verbreitete Familienname Herchenröder zurückgehen.

Einige Siedlungen im Oberwald , wie z. B. Eigelshain und Hetgeshain oberhalb von Ilbeshausen, wurden wahrscheinlich wegen der Erschöpfung der Eisenerzvorkommen aufgegeben, die einst zu ihrer Gründung (als Bergmannssiedlungen) geführt hatten. Die "Fehlsiedlungstheorie" geht davon aus, dass sich einigen Fällen dürfte sich die Lage eines Ortes im Nachhinein als ungünstig herausgestellt habe. Wahrscheinlich sind sogar noch während der eigentlichen Besiedlungzeit mit ihren zahlreichen Rodungen manche Neugründungen nach kurzer Zeit wieder aufgegeben worden. Die Aufgabe eines Ortes war während dieser Phase noch kein besonderes Ereignis und der Ortschaftsbestand noch kein stabiles Element wie in späteren Zeiten. Auch Seuchen wie der ganz Europa heimsuchende „Schwarze Tod“ von 1348/1349 haben wohl zur Entvölkerung der Dörfer beigetragen, sie aber keineswegs verursacht.

Eine bedeutende Rolle bei der Wüstungsentstehung spielte die Rodung des Waldes und teilweise Übernützung des Bodens durch die mittelalterlichen Bauern. Während heute rund 40% der Fläche des heutigen Bundeslandes Hessen von Wald bedeckt sind, war dieser Anteil um die Mitte des 14. Jahrhunderts auf etwa 10% zurückgegangen. In der Langstreifenflur der Rodungssiedlungen wurde vorwiegend Getreideanbau betrieben. Diese offene und sehr waldarme Landschaft war besonders in den Mittelgebirgen wie dem Vogelsberg sehr anfällig für Bodenerosion. Am 21. und 22. Juli 1342 führte eine Extremwetterlage mit Starkregen zu einer Katastrophe, dem "Magdalenenhochwasser", bei dem es nicht nur zu massiven Überschwemmungen in ganz Mitteleuropa kam, sondern auch der wertvolle lößhaltige Ackerboden von den ungeschützten Hängen weggespült wurde. Zurück blieben weniger ertragreiche Böden, die wohl in vielen Fällen die dortigen Siedler zur Aufgabe zwangen.

Alle diese Wüstungen veraten sich bei Feldbegehungen eigentlich nur dem aufmerksamen Beobachter unscheinbare Merkmale wie z. B. Tonscherben in Maulwurfshaufen, die von der ehemaligen menschlichen Besiedlung herrühren. Viele deutlicher sichtbare Hinweise im Gelände wie z. B. Hauspodien und Erhebungen sind den Feldbereinigungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen.

Lage der Wüstungen in der Umgebung von Bermuthshain.

In der Nachbarschaft von Bermuthshain gibt es zwei Ortswüstungen aus dem späten Mittelalter, und zwar an den Gemarkungsgrenzen zu Grebenhain und zu Crainfeld. Im Norden liegt die Wüstung Schershain, deren einstige Gemarkung heute zum größten Teil zu Grebenhain und nur zu einem kleinen Teil zu Bermuthshain gehört. Der erst im 19. Jahrhundert aufgestaute Rothenbachteich schließlich soll den Ort der Wüstung Rodenbach markieren.

Die Wüstung Schershain

Der Ort Schershain entstand vermutlich als Rodungsvorstoß in den Oberwald nordwestlich von Bermuthshain bzw. westlich von Grebenhain. Er lag an einer mittelalterlichen Handelsstraße und ist heute noch durch Flurnamen wie Auf dem Schershain, Im Distelrod, Auf den Höferchen, Dorfwiesen, Im Mühlgefäll, Hinter dem Schershain und Im Töpfenloch bezeugt. Der letztere Flurname weist bereits auf eine mutmaßliche Haupterwerbsquelle der Einwohner von Schershain hin, nämlich die Töpferei. Noch heute treten in Maulwurfshaufen auf dem Gelände der Wüstung gelegentlich Tonscherben zutage. Während des Zweiten Weltkrieges machte der Bermuthshainer Förster Ernst Dillemuth im Töpfenloch einige Funde von Töpferwaren, darunter sogar eine aus Ton gebildete Madonnenfigur. Bedauerlicherweise ist über den Verbleib dieser Funde nichts bekannt.

Schershain wird erstmals in einer Urkunde 1399 erwähnt, durch welche Johann von Rodenstein und Lißberg das Dorf Schershagin mit dem Gericht daselbst von Landgraf Hermann I. von Hessen als Burglehen erhielt. Im Salbuch des Amts Nidda von 1556 werden zehn Schershainer Güter uff Lispergk gehörig genannt. Der Ort selbst war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits eine Wüstung. Wahrscheinlich hat Schershain einst aus zehn Höfen bestanden. Land und Wiesen waren 1556 bereits im Besitz von Bermuthshainern und Grebenhainern, deren Vorfahren möglicherweise von dort gestammt hatten. Die Schershainer Flur hielt sich noch lange als Sonderteil in der Bermuthshainer und Grebenhainer Gemarkung. Sowohl in Bermuthshain als auch in Grebenhain wurde bis ins 19. Jahrhundert ein Schershainer Haferbuch geführt, von denen jedoch nur das Grebenhainer Exemplar erhalten geblieben ist. Die Schershainer Flur wurde nach 1900 weitgehend aufgeforstet. Ab 1936 wurden weite Teile durch die Luftmunitionsanstalt Hartmannshain überbaut.

Die Wüstung Rodenbach

Die Flur Rodenbach (Rothenbach) liegt etwa am Schnittpunkt der Gemarkungen Bermuthshain, Crainfeld und Ober-Moos. Eine Wüstung an dieser Stelle wurde erstmals von Gertrud Mackenthun in ihrer 1948 vollendeten Dissertation Die Wüstungen des Kreises Lauterbach vorgeschlagen. Mackenthun bezog sich darauf, dass die Rodenbach im Zinsregister des Gerichts Moos von 1553 unter den Orten dieses Gerichts genannt wird. Die Rodenbach diente im 17. und 18. Jahrhundert als Weideland und wurde in Form der Koppelhut von den Einwohnern von Crainfeld und Bermuthshain gemeinsam genutzt. Aus den Jahren 1608 und 1620 sind Streitigkeiten zwischen beiden Gemeinden um die Koppelhut in der Rodenbach überliefert. 1780 schlug die hessen-darmstädtische Landkommission die Aufteilung der Nutzungsrechte vor. Auf dem Parzellhandriss der Gemarkung Bermuthshain von 1832 ist die Rodenbach noch als Weideland verzeichnet. Wenig später wurde sie aufgeforstet und an der Stelle, wo nach Mackenthun das Dorf gelegen haben soll, der große Rothenbachteich angelegt. Ein mächtiger behauener Sandstein, der im hinteren Teil des Teiches aus dem Wasser ragt, könnte von dem ehemaligen Siedlungsplatz stammen.

Wüste Hofstellen in Bermuthshain

Weniger offensichtlich als bei den spätmittelalterlichen totalen Dorfwüstungen ist, dass auch Bermuthshain selbst in gewissem Sinn eine "partielle Wüstung“ darstellt. In der Zeit zwischen 1818 und 1900, während der die Auswanderung nach Nordamerika ihren Höhepunkt erreichte, sind von den im Jahr 1818 noch bestehenden 108 Wohnhäusern des Ortes nicht weniger als 28 abgebrochen worden. Von dieser Entwicklung waren nahezu alle Dörfer im Vogelsberg betroffen, teilweise auf noch dramatischere Weise.

So wurden im benachbarten Weidmoos zwischen 1843 und 1851 von vierzehn Bauernhöfen
sieben und damit die Hälfte aufgegeben und abgerissen. Weder Bermuthshain noch Weidmoos erlitten indes das Schicksal der Gemeinden Wernings bei Gedern und Pferdsbach bei Büdingen. Deren Einwohner wanderten in den Jahren 1842 und 1845 als geschlossene Gruppe in die Vereinigten Staaten aus. Die Häuser in den Dörfern wurden auf Abbruch verkauft und verschwanden, so dass Wernings und Pferdsbach heute ein ähnliches Bild geben wie die mittelalterlichen Wüstungen, nur mit dem Unterschied, dass ihr Schicksal genau bekannt ist.

Die im 19. Jahrhundert abgebrochenen Hofreiten (schwarz markiert) auf der Flurkarte von 1832.

In Bermuthshain büßten ganze "Straßenzüge“ im Verlauf des 19. Jahrhunderts ihre Bebauung ein. Wie ein Vergleich der Parzellkarte von 1832 mit einem 1909 entstandenen Ortsplan zeigt, sind beispielsweise allein am sogenannten alten Weg (heute Tannenweg) von acht Häusern, die um 1820 dort noch standen, fünf abgebrochen worden. Einige der im 19. Jahrhundert entstandenen wüsten Hausplätze in Bermuthshain wurden auch später niemals wieder überbaut und offenbaren sich dem aufmerksamen Beobachter heute noch als leichte Erhebungen im Gelände. Besonders gut sichtbar ist der überwachsene „Schutthaufen“ an der Ober-Mooser Straße hinter dem alten Wohnhaus Groh. Bereits um 1848 wurde das hier stehende, eineinhalbstöckige Wohnhaus mit Scheune, das zuletzt dem Ortsbürger Christoph Rauber gehörte, abgebrochen. Von einigen der abgebrochenen Häuser sind sogar noch Hausnamen überliefert.